Ich kann mich noch gut daran erinnern. Es war kurz nach neun Uhr abends, unser Workshop war längst vorbei und die Kaffeetassen auf dem Tisch waren schon kalt. Mit vier der Teilnehmerinnen sprachen wir noch über Karriere, über den Schritt in die Selbstständigkeit, über Führung und darüber, warum manche Menschen die spannendsten Projekte, die besten Positionen, die zahlungskräftigsten Kundinnen scheinbar mühelos gewinnen, während andere mit mindestens ebenso viel Substanz im Hintergrund bleiben.
Dann sagte eine der Frauen einen Satz, nach dem es für ein paar Sekunden still im Raum wurde.
Ich habe das Gefühl, ich muss immer erst beweisen, was ich kann. Andere werden einfach als Expertinnen wahrgenommen, ohne dass sie das je bewiesen hätten.
Diesen Satz höre ich seit Jahren, in unterschiedlichen Varianten, von Frauen in ganz verschiedenen Berufen und Lebensphasen. Von Führungskräften genauso wie von Gründerinnen, die gerade ihr erstes eigenes Unternehmen aufbauen.
Und jedes Mal denke ich dasselbe: Das liegt nicht daran, dass diese Frauen weniger leisten. In meiner Arbeit begegne ich fast täglich Frauen mit beeindruckender Fachkompetenz, mit einem Urteilsvermögen, das durch nichts zu ersetzen ist, mit einem Verantwortungsbewusstsein, das man sich für so manche Vorstandsetage wünschen würde. Frauen, die Teams durch Krisen führen, Unternehmen von null aufbauen, komplexe Projekte steuern und Ideen entwickeln, die es vorher schlicht nicht gab.
Trotzdem bleiben viele von ihnen unter dem Radar. Nicht weil sie nicht gut genug wären. Sondern weil sie sich lange auf etwas verlassen haben, das leider nicht stimmt: dass gute Arbeit von selbst gesehen wird. Genau das unterscheidet sie von den Frauen, die von allen sofort als Expertinnen erkannt werden. Und genau dieser Unterschied lässt sich lernen.
Wir haben gelernt zu arbeiten, aber nicht darüber zu sprechen

Die Zahlen bestätigen, was an diesem Abend spürbar war. Laut dem Herbstbericht 2025 der AllBright-Stiftung mit dem Titel „Krisenlähmung“ bestehen die Vorstände der deutschen Börsenunternehmen nach wie vor zu 80 Prozent aus Männern, Stand September 2024, obwohl Frauen seit über zehn Jahren mehr wirtschaftswissenschaftliche Abschlüsse machen als Männer. Je höher die Position, desto kleiner der Frauenanteil. Und wer neu in einen Vorstand berufen wird, entspricht laut der Stiftung noch immer überwiegend demselben Muster wie vor Jahren.
Für Gründerinnen sieht die Lage nicht freundlicher aus. Der Startup Barometer von EY Parthenon zeigt für das Jahr 2026: Von 660 Startups mit einer Finanzierungsrunde hatten nur 21 ein rein weibliches Gründungsteam, gerade einmal drei Prozent. Sie erhielten 53 Millionen Euro Risikokapital, ziemlich genau ein Prozent der 7,8 Milliarden Euro, die insgesamt in deutsche Startups flossen. Rein männliche Teams erhielten 94 Prozent. Thomas Prüver, Partner bei EY Parthenon, bringt es in der Studie auf den Punkt: Wenn nur ein Prozent des Kapitals an Gründerinnen fließt, entsteht der Eindruck, weibliches Unternehmertum sei weniger erfolgversprechend, was potenzielle Gründerinnen zusätzlich abschreckt.
Diese Zahlen erklären nicht alles. Aber sie zeigen, dass Sichtbarkeit für Frauen kein Nebenschauplatz ist, sondern für viele buchstäblich eine Frage von Kapital, Position und Einfluss. Und sie zeigen etwas Ermutigendes: Wer diese Lücke kennt, kann gezielt gegensteuern.
Ein Teil der Erklärung liegt tiefer, in der Art, wie wir sozialisiert wurden. Die meisten von uns sind mit der Überzeugung groß geworden, dass Fleiß, Zuverlässigkeit und gute Ergebnisse früher oder später belohnt werden. Wir haben gelernt, Aufgaben gewissenhaft zu erledigen, Verantwortung zu übernehmen und zu liefern. Kaum jemand hat uns beigebracht, diese Leistung auch sichtbar zu machen und darüber zu sprechen.
Eine Studie in der Zeitschrift für Sozialpsychologie hat genau das in einer simulierten Bewerbungssituation gemessen. Die Differenz zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung fiel bei den teilnehmenden Frauen rund ein Drittel größer aus als bei den Männern. Frauen schätzten ihre eigene Leistung deutlich niedriger ein, als das Umfeld sie tatsächlich bewertete. Nicht weil sie schlechter abschnitten. Weil sie sich selbst schlechter einschätzten, als sie tatsächlich waren.
Viele Frauen verbinden Personal Branding deshalb bis heute mit Selbstdarstellung. Manche befürchten, arrogant zu wirken. Andere wollen sich einfach nicht in den Mittelpunkt drängen. Ich kann jeden dieser Gedanken gut nachvollziehen. Trotzdem hat Personal Branding für mich nichts mit Inszenierung zu tun und auch nichts damit, sich größer zu machen, als man ist. Es bedeutet, anderen Menschen die Möglichkeit zu geben zu erkennen, wer wir sind, wofür wir stehen und was wir beitragen können. Wer seine Geschichte nicht erzählt, bleibt unsichtbar. Und Unsichtbarkeit wird selten belohnt, das zeigen die Zahlen von AllBright und EY sehr deutlich.
Zwischen Kompetenz und Wahrnehmung liegt Kommunikation
In meiner Arbeit als Beraterin und Trainerin erlebe ich fast täglich, wie kritisch Frauen die eigene Leistung bewerten, gemessen an dem, was sie tatsächlich können. Während sie ihre Erfolge relativieren, sprechen andere mit großer Selbstverständlichkeit über ihre Kompetenzen. Das hat nichts mit mehr Talent zu tun. Es ist schlicht eine andere Form der Kommunikation.
Fachlich exzellent zu sein reicht heute nicht mehr aus. Menschen müssen verstehen, warum du die richtige Ansprechpartnerin bist, welches Thema dich auszeichnet und welche Haltung hinter deiner Arbeit steht. Das ist keine Marketingstrategie, wie manche vielleicht befürchten. Das ist Klarheit. Und Klarheit schafft Vertrauen, bei Vorgesetzten genauso wie bei Kundinnen oder Investoren.
Netzwerken beginnt nicht auf einer Veranstaltung
Frage ich Frauen, was ihnen beim Wort Netzwerken einfällt, höre ich oft Small Talk, Visitenkarten, oberflächliche Gespräche auf Empfängen. Für mich bedeutet Netzwerken etwas völlig anderes.
Die meisten Chancen in meinem eigenen Berufsleben sind nicht durch Bewerbungen entstanden. Sie entstanden, weil Menschen miteinander gesprochen haben, weil jemand meinen Namen weitergegeben hat, weil aus einem ersten Gespräch Vertrauen wurde. Ein Netzwerk besteht nicht aus möglichst vielen Kontakten. Es besteht aus Beziehungen, aus ehrlichem Interesse, aus gegenseitiger Unterstützung und aus Menschen, die wissen, wofür du stehst.
Deshalb gehören Personal Branding und Netzwerken für mich untrennbar zusammen. Das eine schafft Klarheit, das andere schafft Verbindung.
Storytelling: Warum Geschichten stärker wirken als Lebensläufe
Was mich seit Jahren fasziniert, ist die Wirkung von Geschichten. Nicht die glattpolierten Erfolgsgeschichten, die auf Social Media manchmal so wirken, als wäre Erfolg eine gerade Linie. Ich meine die echten Geschichten. Die Momente, in denen wir gezweifelt haben. Die Erfahrungen, die unseren Blick auf die Welt verändert haben. Die Werte, die unsere Entscheidungen prägen.
Genau dort entsteht Verbindung. Menschen erinnern sich selten an einzelne Stationen eines Lebenslaufs. Sie erinnern sich an Menschen, deren Geschichte sie berührt hat. Storytelling ist für mich deshalb kein Kommunikationswerkzeug, sondern die Möglichkeit, der eigenen Expertise ein Gesicht zu geben. Nicht um Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern um Vertrauen entstehen zu lassen.
Auch der Harvard Business Manager hat den Klischees, die Frauenkarrieren behindern, eine eigene Sonderausgabe gewidmet und dabei Studien aus Wirtschaft, Psychologie und Soziologie zusammengetragen. Ein wiederkehrender Befund: Unternehmen müssen lernen, die Erfolge von Frauen ebenso glaubwürdig sichtbar zu machen wie die von Männern. Bis das flächendeckend gelingt, bleibt es an uns selbst, unsere Geschichte zu erzählen.
Vielleicht geht es gar nicht um mehr Sichtbarkeit
Je länger ich Menschen begleite, desto mehr glaube ich, dass wir oft die falsche Frage stellen. Wir fragen, wie wir sichtbarer werden können. Vielleicht sollten wir eher fragen, wie wir klarer werden können. Klar darüber, wofür wir stehen. Klar darüber, welchen Mehrwert wir schaffen. Klar darüber, welche Geschichte wir erzählen wollen.
Sichtbarkeit ist am Ende keine Strategie, sie ist das Ergebnis von Klarheit. Und diese Klarheit verändert nicht nur, wie andere uns wahrnehmen. Sie verändert, wie wir selbst auftreten, Entscheidungen treffen und Chancen ergreifen. Egal ob im Angestelltenverhältnis oder im eigenen Unternehmen.
Eine persönliche Einladung

Aus genau diesen Gedanken ist unser zweitägiger Workshop entstanden: „Personal Branding und LinkedIn. Werde sichtbar für das, was dich ausmacht.“
Dennis und ich wollen dort nicht zeigen, wie man möglichst viele Follower gewinnt oder den perfekten LinkedIn Beitrag formuliert. Wir wollen Frauen dabei begleiten, Klarheit über ihre Positionierung zu entwickeln, ihre persönliche Geschichte zu entdecken, ihr Netzwerk bewusst aufzubauen und ihre Expertise authentisch sichtbar zu machen. Ob als Angestellte oder als Gründerin.
Denn die Arbeitswelt braucht keine weitere Selbstinszenierung. Sie braucht mehr kompetente Frauen, die den Mut haben, ihre Perspektive einzubringen und ihren Platz einzunehmen.
Wenn du das Gefühl hast, dass in dir mehr steckt, als andere heute sehen, laden wir dich herzlich ein, im September gemeinsam mit uns in Köln daran zu arbeiten.
Alle Informationen zum Workshop findest du hier: www.femalexperts.academy/weiterbildungen/personal-branding-linkedin