Das illusorische Ich – Unsere Sehnsucht nach Authentizität

In einem meiner letzten Business Workshops zum Thema „Personal Branding“ wurde die Frage aufgeworfen, was Authentizität eigentlich bedeutet und ob es auch in Ordnung sei, Gefühle im öffentlichen Raum zu zeigen.

Nun, das kommt vermutlich darauf an, was man selbst unter „Authentizität“ versteht.

Grundsätzlich wird dieser Begriff sehr oft missverstanden. So ist in diversen Medien zu beobachten, dass viele Personen ihr „wahres Ich“ grundlegend für das halten, was sie nach außen hin darstellen.

Dies entspricht jedoch nicht der Realität, denn wir neigen dazu, das für „echt“ zu halten, was uns persönlich gefällt. Entsprechend verwundert es nicht, dass zumeist positive, gesellschaftlich anerkannte Eigenschaften und Handlungsweisen als besonders authentisch gelten. Dabei bedeutet Authentizität so viel mehr und bringt diverse Perspektiven mit sich.

Was ist denn nun genau Authentizität?

Was bedeutet es “echt” zu sein? Sind wir nicht alle jeden Tag verschiedenen Rollen verpflichtet? Wir möchten gemocht werden, entsprechen Erwartungen im Beruf, erfüllen Geschlechter- oder Status-Stereotypen und ahmen das Verhalten anderer Personen, deren Charakterzüge wir für erstrebenswert erachten, nach.

Oftmals werden Begriffe, wie Echtheit, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Unverfälschtheit oder Wahrhaftigkeit dem Wert der Authentizität gleichgesetzt. Für Sachgegenstände versteht man darunter die Ursprünglichkeit, bei uns Menschen sind es vor allem unsere Verhaltens- und Denkweisen, die als Kriterien angesetzt werden. 

Am treffendsten ist jedoch vermutlich die Übersetzung des aus dem Griechischen stammenden Wortes „authentikós“: man selbst sein.

Mythos oder Wahrheit – Wer bin ich und möchte ich mich so zeigen?

Female Online Coaching-Kinga-Bartczak-Female-Empowerment-Coach und Business Coach

Für mich bedeutet es, authentisch zu sein, wenn man dazu in der Lage ist, seine ganze Persönlichkeit mit all ihren positiven sowie negativen Facetten zu akzeptieren und Verantwortung für diese zu übernehmen.  Aus diesem Grund spreche ich über vielfältige Facetten aus meinem Leben. Es geht um Finanzen, Business, Beziehung, aber auch um Unternehmertum und zwar mit all seinen Aufs und Abs. Wie Sie sehen, ist dies meine Form der Authentizität und diese wird stetig abgewogen mit dem Kriterium der Selbstreflexion. Ich kann also stets authentisch sein, solange ich meine Grundüberzeugungen sowie Wertvorstellungen respektiere und mich gleichzeitig als Teil einer wertschätzenden Gemeinschaft betrachte. 

Ehrlicherweise muss ich jedoch zugeben, dass es auch mir in der Vergangenheit schwer fiel, mich im Hinblick auf meine vermeintlich „negativen“ Eigenschaften und Gedanken gänzlich zu öffnen. Dies liegt nicht daran, dass ich mich für diese schämte, sondern weil ich mich fragte, warum andere Anteil an diesem Part meines Charakters und meiner Geschichte nehmen sollten.

Im Grunde beging ich damit den gleichen Fehler, welcher vielen meiner Kolleg*innen  auch heute noch unterläuft: Ich beschrieb mein „authentisches Ich“ unbewusst mit edlen Eigenschaften, um das Gefühl für mich und andere zu schaffen, dass wir uns beide (Verfasserin und Lesende*r) gut fühlen können.

Letztlich führt ein solches Verhalten zwar dazu, dass wir unser Wohlbefinden steigern, indem wir sozial unerwünschtes Verhalten unerwähnt lassen oder gänzlich vermeiden, doch authentisch ist das sicher nicht. Dies merkt man auch daran, dass es bei solchen Profilen oftmals an Verbundenheit mit einer Community fehlt.

Mit der Erneuerung einiger meiner Social Media-Kanäle, der zunehmenden Erfahrung als Unternehmerin, meinem inneren Wachstumsprozess, welcher aufgrund seiner Geschwindigkeit gefühlt dem Hyperloop-System Elons Musks gleicht, habe ich im Hinblick auf die sozialen Netzwerke jedoch einige wichtige Entscheidungen getroffen, die ich bis heute konstant einhalte:

Authentizität benötigt Kontemplation

Haben Sie sich schon einmal ein schönes Gemälde angesehen und nach einigen Monaten/Jahren festgestellt, dass es sie immer noch beeindruckt, auch wenn sich Ihre Lebensumstände, Ihr Geschmack oder Ihre Gewohnheiten geändert haben? Wenn dies der Fall sein sollte, so haben Sie es geschafft, sich in der Schönheit des Gegenstandes gänzlich zu „verlieren“ und diese anzunehmen, auch wenn Sie Unebenheiten, kuriose Farbkonstellationen oder eigenartige Schattierungen darauf entdeckt haben.

Von der Perfektion zur Schönheit des Unperfekten

Genauso funktioniert Authentizität, nur dass sich hier sogar „das Gemälde“ verändern darf. Egal welche „Schattierungen, Unebenheiten, o.ä.“ sich im Leben ergeben, als Mensch bleiben wir im Umgang mit diesen (auch in den Augen anderer) immer authentisch, wenn wir es einmal geschafft haben, uns das Phänomen der Kontemplation zu eigen zu machen. Menschen kaufen keine Produkte oder Dienstleistungen, sie glauben an Menschen, möchten Teil einer Geschichte sein oder den Weg einer Vision mitgestalten. Aus diesem Grund hat das Thema Personal Branding im beruflichen und unternehmerischen Kontext in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen und ist stark an die eigene Selbstwahrnehmung geknüpft.

Menschen wünschen sich Verbundenheit, dies ist uns nicht erst seit einer eingetretenen Pandemie klar geworden. Auch in Werbung, Marketing sowie letztlich im Social Media-Bereich ist eine reine eindimensionale Selbstdarstellung nicht nachhaltig.

Wir sehnen uns nach Schattierungen, Unebenheiten – Nach jemandem, der uns sagt, dass wir mit unseren (negativen) Gefühlen nicht allein dastehen. Aus diesem Grund ist es wichtig, Authentizität nicht als Selbstinszenierungstool zu verwenden und wie einen glatten Schild vor sich herzutragen, sondern aktiv zuzuhören, Fragen zu stellen, zu interagieren und sich miteinander zu verbinden. 

Sollten Sie den Weg gehen, mehr von sich preiszugeben, seien Sie sich auf jeden Fall bewusst, dass Sie nicht jeder Person gefallen müssen. Ganz nach dem Motto: Lasst uns gemeinsam authentisch unauthentisch sein!

It’s okay, not to be okay

Um die oben genannte Frage nochmals aufzunehmen: 

Ja, Gefühle dürfen im öffentlichen Raum gezeigt werden, denn authentisch zu sein, bedeutet nicht, ausschließlich von den positiven Aspekten des Lebens zu berichten und sich selbst in einem guten Licht darzustellen.

Authentizität bedeutet die Widersprüche des eigenen Ichs anzunehmen und diese auch deutlich zu machen. So ist es möglich, auch anderen zu zeigen, dass zu einem selbst nicht nur Liebe, Freude und Glück, sondern auch Einsamkeit, Trauer und Wut gehören.
Wenn Sie also das nächste Mal einen schlechten Tag haben, verzweifeln, Angst empfinden oder richtig wütend sind, zeigen sie Ihre Gefühle und Sie werden überrascht sein, wie groß die Verbundenheit zu anderen Menschen ist und wie wunderbar es sich anfühlt, mit seinem ganzen Ich akzeptiert zu werden.

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